Labrador Highway

21. September 2026 Kanada

Nach zweieinhalb Wochen verließen wir Neufundland aufgrund starker Winde einen Tag später als geplant mit der Fähre in Richtung Labrador. Wir wollten mit eigenen Augen sehen und erleben, wie es sich in diesem anderen Teil der Provinz Neufundland und Labrador anfühlt.

Labrador ist riesig, einsam und absolut abgelegen. In dieser subarktischen Wildnis mit ihren unendlich langen Wintern und Temperaturen von bis zu minus 40 Grad lassen sich nur wenige, sehr Hartgesottene nieder. Genau das hat uns interessiert: Wie lebt es sich dort? Und wie einsam und wild ist es wirklich?

Die Fähre brachte uns in weniger als zwei Stunden ans andere Ufer und damit zum Beginn (oder Ende?) des Trans-Labrador Highway. Die Straße zieht sich über mehr als 1.200 Kilometer durch die Provinz und wurde erst 2022 vollständig fertiggestellt. Zuvor gelangte man nur über Schotterpisten oder per Schiff in diese abgelegenen Regionen.

Zunächst führte uns die Straße entlang der Küste, vorbei an dem heute eher unscheinbaren Fischerdorf Red Bay, das einst das bedeutendste Walfangzentrum der Welt war. Anschließend fuhren wir weiter ins Landesinnere und erreichten unseren Übernachtungsplatz am Rande der Holzfällersiedlung Port Hope Simpson, direkt an einem Fjord. Ein wunderschöner Stellplatz – wäre da nicht die Müllkippe direkt nebenan gewesen, an der sich stattliche Schwarzbären an den Hausabfällen bedienten. Da blieben wir lieber im Auto. War ohnehin zu kalt für unseren Geschmack. Kaum in Labrador angekommen, fielen die Temperaturen nämlich schlagartig in den einstelligen Bereich. Der Herbst war hier definitiv schon vor uns angekommen, und unsere Heizung lief sich direkt wieder warm.

Am nächsten Tag fuhren wir durch eine Landschaft, die sich immer weiter in endlose Wälder verwandelte. Unsere nächste Übernachtung legten wir in Happy Valley-Goose Bay ein, mit rund 8.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Labradors. Der Ort entstand 1941 praktisch aus dem Nichts, als im Zweiten Weltkrieg eine Luftbrücke über den Nordatlantik nach Europa benötigt wurde. Rund um den Flugplatz „Goose Bay“ entstand die Siedlung „Happy Valley“. Woher der Name stammt? Hier waren einfach alle glücklich, weil sie einen sicheren Job hatten. 😊

Nach Hunderten Kilometern ohne ein einziges Haus zu sehen, erreichten wir den nächsten Ort mit spannender Geschichte: Churchill Falls. Gegründet in den 1960er-Jahren von der Betreibergesellschaft eines riesigen unterirdischen Wasserkraftwerks. Die Bewohner sind dort gleichzeitig Nachbarn und Kollegen und wohnen quasi mietfrei. Außerdem können sie Einrichtungen wie Fitnessstudio, Schwimmbad und Sauna kostenlos nutzen. Dafür gibt es nur einen recht überschaubaren Supermarkt, weshalb viele Bewohner für größere Einkäufe eine einfache Strecke von über 250 Kilometern in Kauf nehmen müssen. 😳 Wir kamen uns dort vor wie auf einem riesigen Campus und gleichzeitig wie in einer künstlichen Welt mitten im Nirgendwo. Besonders nachdenklich machten uns die Auswirkungen des Kraftwerks auf die umliegende Natur. Ein einst beeindruckender Wasserfall, der sich früher in eine tiefe Schlucht ergoss, ist heute aufgrund der umgeleiteten Wassermassen nur noch ein Schatten seiner selbst.

Die nächste und größte Stadt, Labrador City, war weniger spektakulär. Sie entstand vor allem durch den Abbau der reichen Eisenerzvorkommen der Region und ist bis heute stark vom Bergbau geprägt.Dafür hatte der benachbarte Ort Fermont wieder eine Besonderheit zu bieten: die sogenannte Mauer. Das knapp einen Kilometer lange und vier Stockwerke hohe Gebäude wurde so ausgerichtet, dass es die umliegenden Wohngebiete vor den extremen Winterstürmen schützt. In der Mauer selbst befinden sich Wohnungen sowie Schule, Hotel, Restaurant, Kirche, Geschäfte und weitere Einrichtungen. Die Bewohner müssen im Winter praktisch nicht einmal vor die Tür. Krass, oder?Das Leben dort wirkt für uns unglaublich hart und gleichzeitig kaum vorstellbar. Umso dankbarer sind wir, solche Gegenden bereisen und uns selbst ein Bild davon machen zu können.

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